Echter deutscher Braten mit Kartoffelklößen

Ich heiße Lothar Linzen, bin 1967 in Prenzlau geboren, von Geburt an blind. Meinen Vater kenne ich nicht. Meine Mutter war Parteisekretärin in einer Landwirtschaftsschule und Freundin der russischen Sprache. Sie schrieb sich mit ihrer Cousine sogar Briefe auf Russisch. Dass ich jetzt hier bin, erfüllt ihr sicher einen großen Traum, obwohl sie schon lange nicht mehr lebt. Sie starb an Leukämie, als ich 8 Jahre alt war.

Meine Kindheit habe ich in einem sehr roten Internat in Königswusterhausen verbracht, fühlte mich aber mehr zur Kirche als zur Partei hingezogen. Nachdem ich meine Lehre als Klavierstimmer in Karl-Marx-Stadt angefangen hatte, trat ich aus der FDJ aus, was zur Folge hatte, dass ich nach einem Jahr die Lehre aufgeben musste. Ich hätte keinen Gewerbeschein als Klavierstimmer bekommen, da ich keine sozialistische Persönlichkeit war. Mein damaliger Meister ist jetzt CDU-Anhänger und kohlrabenschwarz.

Danach arbeitete ich ein Jahr in Schwerin als Telefonist. Dann begann ich eine Lehre als Masseur in Karl-Marx-Stadt. Der Direktor dieser Schule war ein Gorbi-Fan. Dort bekam ich als Nicht-FDJ-Mitglied und Querkopf das erste Mal in meinem Leben eine Auszeic hnung für gute Leistungen in der Schule - eine Reise in die Sowjetunion. Das war 1989.

Im Internat hatten wir einen Club der Internationalen Freundschaft, den für ein Jahr vertretungsweise eine Russin leitete. Da der Club nicht Club der sowjetischen, sondern Club der internationalen Freundschaft hieß, haben wir uns auch mit Kanada und Afrika beschäftigt und die Russin hat das toleriert. Trotzdem hat sie uns auch die russische Kultur vermittelt, wir haben zusammen gekocht und sie hat erzählt. Auch nach Hause hat sie uns eingeladen und mich hat sie in die russisch-orthodoxe Kirche mitgenommen. Das hat viel in mir bewirkt.

1989 auf der Auszeichnungsreise habe ich in der Sowjetunion richtig Perestrojka live erlebt. Wir waren jeweils drei Tage in Leningrad und Moskau. Der Reiseleiter gestattete mir, meine eigenen Wege zu gehen, da ich den Museumsbesuchen nichts abgewinnen konn te. So bin ich auf dem Nevskij Prospekt lang gelaufen und hab gerochen. Es war gerade die Zeit der Lebensmittelknappheit, es gab überall Schlangen. In einem Cafe haben mich Leute mit Piroggen versorgt, die musste ich nicht mal bezahlen. Das war interessant . Leider gelang es mir damals nicht, Leute persönlich kennen zu lernen. Das Schulrussisch half nicht weit, außerdem erschweren Gruppenreisen die Kommunikation mit Außenstehenden.

In Deutschland kam dann die spannende und interessante Zeit der Wende. Es gab das Neue Forum und erste Reisen in den Westen. 1991 arbeitete ich kurze Zeit in einem Aids-Hospiz in der Nähe von Freiburg. Sehr bald jedoch stieß ich dort an meine Grenzen. Mich störte die westdeutsche Art, mit Behinderten umzugehen. Ich durfte nicht als ganz normaler physiotherapeutisch-psychologischer Begleiter von Aids-Kranken mit jungen Menschen arbeiten, weil Behinderte als zu Betreuende angesehen werden, selbst wenn sie das nicht nötig haben. Für sie gibt es Behindertenwerkstätten und Reha-Arbeitsplätze. Ich kann zwar als Masseur Beschäftigung finden, aber nur auf einem Reha-Arbeitsplatz.

Daraufhin war ich eine Weile arbeitslos. Ich ärgerte mich, dass ich nicht alles machen konnte, was meine Freunde so machten. Doch dann beschloss ich, einfach das zu machen, was ich machen will und kann. In dieser Zeit fand ich in der TAZ eine Annonce über einen Russischkurs in St. Petersburg mit Unterkunft in Familien und Beschäftigung mit dem aktuellen politischen Geschehen in Russland. Ich erkundigte mich, ob ich als Blinder an diesem Kurs teilnehmen könne. Es ging, und auch finanziell war es im Rahmen me iner Möglichkeiten.

Also kam ich im Sommer 1992 für drei Wochen hierher. Für die Leute von Memorial, über die der Sprachkurs lief, war es zunächst aufregend, einen Blinden in der Gruppe zu haben, bis sie merkten, dass ich ganz gut zurechtkam. Wir hatten zwei wunderbare Lehre rinnen, mit denen mich später eine lange Freundschaft verband. Mir hat es so gut gefallen, dass ich 1993 wiederkam. Danach fühlte ich mich in Russisch so fit, dass in mir der Wunsch aufkam, hier zu arbeiten. Ich wollte das Leben hier richtig kennen lernen.

Ich kam zunächst im Sommer 1994 für zwei Monate wieder, um bei Memorial als Masseur zu arbeiten. Bis dahin gestaltete ich mein Arbeitslosenleben in Deutschland mit politischer Tätigkeit beim Kollektiv für Gerechtigkeit. Außerdem belegte ich Kurse für heilp raktische Psychotherapie.

Die Idee meiner Arbeit bei Memorial war, repressierte Menschen zu massieren. Nach anfänglicher Skepsis waren alle ganz begeistert. Schon während meiner Zeit im Hospiz hatte ich meinen Arbeitsstil geändert. Beim Massieren geht es mir nicht nur um das rein M echanische, sondern auch um das Miteinander-Sein. Ich verstehe die Massage auch als eine gewisse Zärtlichkeit, als eine nahe menschliche Beziehung. Ich brauche dafür Zeit, mindestens eine Dreiviertelstunde für jeden.

Einer meiner Patienten war ganz verkrüppelt. Ich wusste nur, dass er im Lager gesessen hatte. Auch war er ganz dreckig, da er niemanden hatte, der ihn wusch. Ich erzählte ihm, dass wir eine Massage- und Hydrotherapie zusammen machen werden und hab ihn erst mal gewaschen. Das hat ihm gut getan, er ist dadurch richtig aufgelebt.

Die Arbeit hat mir jedenfalls Spaß gemacht. Ich wäre am liebsten dageblieben. Aber in Deutschland hatte ich mich schon fürs Fachabitur angemeldet und das wollte ich nun auch durchziehen.

Memorial hat dann Aktion Sühnezeichen gebeten, mich für anderthalb Jahre zu finanzieren. So war ich dann gleich nach dem Abitur im September 1995 für anderthalb Jahre Friedensdiener in Russland.

1996 wurde ich in Minsk überfallen. Dieses Erlebnis stellte eine Art Wende in meinem Leben dar. Bis zu diesem Zeitpunkt lebte ich offen schwul. Das ist hier gar nicht so leicht. Aber den Wunsch, in ein Kloster zu gehen und Mönch zu werden, hatte ich schon lange. Damals jedoch fühlte ich mich zu jung dafür. Auch wollte ich nicht, dass ich mit meinem sexuellen Anderssein eventuell vor etwas weglaufe. Und später hatte ich meinen Freund.

Aber dann kam der Überfall. Ich fragte mich, warum ich nicht schon eher ins Kloster eingetreten war. Wie leicht hätte ich umgebracht werden können. Ich entschloss mich also, nach dem Friedensdienst nach Deutschland zurückzukehren, um bei den Kapuzinern ein zutreten. Hier bin ich zum zweiten Mal auf die westliche Einstellung gegenüber Behinderten gestoßen. Erst nach langem Zögern haben sie mich angenommen, weil sie an meinen Fähigkeiten zweifelten. Im Westen musste ich immer erst beweisen, was ich alles kann. Dass ich alleine in Russland gelebt habe, hat sie gar nicht interessiert. Aber ich bestand die Probezeit und kam dann zum Postulat in das Dorf Zell am Harmersbach, zwei Dörfer weiter von dem Aids-Hospiz, in dem ich ein paar Jahre davor gearbeitet hatte. D ie Leute kannten mich von früher. Doch jetzt war ich Postulant. Als ich bekannt gab, dass ich schwul bin, gab es einen großen Krach. Aber ich wollte doch mein Leben mit diesen Menschen im Kloster verbringen, deshalb sollten sie das auch wissen. Dass ich bl ind und schwul bin, war aber zu viel für sie. Wir Postulanten reagierten, indem wir streikten. Wir verweigerten die Arbeit, was sogar zu einem Aufruhr im Ort führte. Einer der Postulanten kam auch aus dem Osten, der hatte in Archangel‘sk Forstwirtschaft st udiert. Wir unterhielten uns immer auf Russisch und brachten damit die Leute auf die Palme. Letztendlich sind wir alle freiwillig gegangen. Wir stellten fest, dass es uns dort einfach viel zu gut ging, denn alles wurde für uns gemacht - die Wäsche wurde ge waschen, wir wurden bekocht, wir hatten einfach nichts zu tun. Das sollte ein einfaches, armes Leben sein?

In Russland war das wohl eher der Fall. So kam ich wieder hierher zurück. Zunächst arbeitete ich für anderthalb Jahre als Masseur bei Memorial. Ich verarbeitete richtiggehend meine Erfahrungen aus dem Kloster und fing mich wieder. Ich bin inzwischen Franzi skaner geworden, aber nicht im kirchenrechtlichen Sinne. Es gibt hier eine kleine Franziskanische Gemeinschaft, bei der ich das Gelübde ablegte. Es hat zwar keinen offiziellen Charakter, aber das ist mir egal. Ich bin sozusagen ,neformal‘nyj franciskanec‘ (,inoffizieller Franziskaner‘).

Zur Zeit arbeite ich zwei Tage in der Woche bei der Caritas als Masseur. Ehrenamtlich bin ich weiter bei Memorial als Koordinator für internationalen Jugendaustausch und internationale Seminare beschäftigt. Manchmal nehme ich Jobs fürs Fernsehen an, um ein bisschen Zubrot zu verdienen.